Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Beschreibung des Vorhabens - Forschungsfragen

Für die Untersuchung ist die Hypothese leitend, dass religiöse Übertragungsprozesse maßgeblich zwischen den Generationen stattfinden. Zudem wird angenommen, dass normative Sinnmuster bereits in der Großelterngeneration verankert sein müssen, damit deren positiver Transfer von den Eltern auf die Kinder gelingen kann. Insofern gehen wir den vielfältigen Einflüssen bei Aneignung, Weitergabe bzw. Abbruch oder Neuformation von religiösem Glauben in einem Drei-Generationen-Setting nach. Dabei werden unterschiedliche Merkmale sozialer Schichtung als für religiöse u.a. wertebezogene Sozialisationsprozesse relevante Kontextfaktoren in die Anlage der Untersuchung einbezogen (idealtypisch: Stadt vs. Land, bildungsbürgerlich vs. arbeiterlich, sozial mobil vs. sozial immobil).

Die Frage nach der intergenerationellen Transmission normativer Orientierungen lässt sich in folgende Dimensionen strukturieren:

  1. Wie sind religiöse und andere normative Deutungsmuster im Alltag der Kernfamilien verankert?
  2. Wer sind die normativ relevanten Impulsgeber und Sozialisationsagenten?
  3. Wie gestalten sich die intergenerationellen Interaktionen in Bezug auf normative (religiöse) Sinnstrukturen?

Darüber hinaus spielen für die Auswertung u.a. folgende Fragen eine Rolle: Ergeben sich spezifische Übertragungsverhältnisse bestimmter normativer Grundmuster (z.B. traditional vs. liberal) zwischen den verschiedenen Generationen und Geschlechtern einer Mehrgenerationenfamilie, z.B. eine auf Gehorsam abzielende vs. eine auf Mitsprache angelegte Erziehung? Was genau führt dazu, dass Großeltern (Eltern), Eltern (Kinder) und Kinder (Enkel) an die Erfahrungen und Prägungen der jeweils anderen Generationen anschließen können oder diese modifizieren oder sich gänzlich von ihnen abwenden? Ist ein kohäsives, auf wechselseitigem Vertrauen basierendes familiäres Klima für die Übertragung von Religiosität an die jüngere Generation eher förderlich oder wird die mit einer stärkeren Familienzentrierung verbundene Erwartung eines positiven normativen Transfers von den Familienmitgliedern eher als Belastung empfunden? Inwieweit bringen Familien aufgrund ihrer je spezifischen normativen Dispositionen bestimmte religiöse oder auch säkulare Erziehungsstile hervor?

Allgemeiner gefragt: Wird durch Religiosität ein eher pluralistisches und die Autonomie des Individuums betonendes oder ein eher homogenes, den Wert der Gemeinschaft hervorhebendes Familienklima erzeugt? Und umgekehrt: Welchen Einfluss vermag das (religiöse) Klima in einer Familie auf deren innerweltliche Wertorientierungen zu nehmen? Lassen sich dabei spezifische Dispositionen ausmachen, die gesellschaftlich anschlussfähiger sind als andere? Ist Familie überhaupt noch in der Lage, überindividuell wirksame Traditionen zu stiften und zwischen den Generationen weiterzugeben? Oder ist nicht gerade in der weitgehend entkirchlichten Gesellschaft Ostdeutschlands die Weitergabe kirchlich-religiöser Traditionen mit einem Verlust sozialer Anschlussfähigkeit verbunden und damit die religiöse Tradition in ihrer sozialen Substanz selbst gefährdet? – Gerade vor dem Kontext kultureller Uneindeutigkeit und widerstreitender sozialer Handlungsanforderungen lautet die Frage, welche Strategien religiöse und nicht religiöse Familien entwickeln, um ihre normative Selbstverortung zu gestalten und dadurch zu bewahren.

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